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Alt Freitag, 05. Februar 2010, 04:39   #1
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Benutzerbild von Vidar
 
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Standard Auftakt "Großstadtimpressionen" - Luisengasse 113


Luisengasse 113
Ein scheiß Job in einer scheiß Welt zwang mich diesem scheiß Tipp nachzugehen.
Hier sollte das große Geld begraben liegen. Das Ticket aus dem Elend.
Also packte ich meine sieben Sachen und zog los, hinaus in die endlose Weite einer anonymen Großstadt. Grauer Beton, graue Blumenkübel mit braunen Pflanzen, bunter Müll, der mit der Zeit – wie sollte es auch anders sein – grau wurde.
Seit Silber bei Autos so eine Modefarbe war, waren Großstädte noch unansehnlicher geworden.
Beige Taxis, silberne, fast graue Neuwagen und Unmengen bunter, rostiger, matter Gebrauchtwagen walzten sich durch die Straßen und mir als Fußgänger blieb ein Gehweg, der seinen Namen kaum verdiente. Er war ein Hindernisparcour. Da gab es Kaugummis, Hundescheiße und Rentner. Rentner…Was suchen die eigentlich hier? Die sollten alle lieber raus aufs Land ziehen. Da wo es grün ist. Wo sich Fuchs und Hase noch Gute Nacht wünschen.
Wobei es scheiß Füchse auch hier gab. Die Mistviehcher plündern die Müllcontainer und verteilen alles im Hof.
Mein Blick war halb nach unten gerichtet und ich betrachtete das Muster an unterschiedlichen Verschmutzungen, das sich vor mir ergab: Kaugummi, Kaugummi, Zigarettenkippe, Hundescheiße, Kaugummi, AOK-Chopper, Kaugummi, Kaugummi in Hundescheiße, Kippe. Und so ging es endlos weiter.
Ich überquerte die Stadtautobahn an der Ampel, wo neulich der Lkw das türkische Kind umgewalzt hatte und musterte die Straße genau. Nirgends mehr eine Spur davon. War ja auch schon fast eine ganze Woche her. Hatte aber auch echt widerlich ausgesehen.
Ich stolperte durch die Spurrinnen und bog dann ein in die Goethestraße, auch liebevoll als Erdogangasse bezeichnet. Hier sah es aus wie auf einem türkischen Basar. Überall Frauen mit Kopftuch und Typen die in jedem Terrorbericht hätten vorkommen können.
Aber immerhin gab’s hier Obst, was nicht aussah, wie schon am Vortag verreckt.
Ich erhandelte mir einen Apfel und ging weiter meines Weges. Ein beschauliches Frühstück, aber besser als nichts.
Ich schaute auf meine Armbanduhr. Original Bolex. Beste chinesische Ware. „Galantielt finden sie kein bessele Qualität?“, hatte mir der Verkäufer damals versichert. Es war Fünf vor Zwölf, wie jedes Mal, wenn ich auf sie schaute. Es war schon nach einem Monat mit dieser Qualitätsuhr Fünf vor Zwölf gewesen. Das war jetzt drei Monate her.
Allmählich bekam ich das Gefühl, dass diese Uhr ein Omen war. Das es Fünf vor Zwölf in meinem Leben war.
Aber wie konnte ich das Rad der Zeit zurückdrehen?
Die Antwort darauf war so erschreckend wie auch einfach: Ich kann es nicht.
Die Krone meiner Lebensuhr war abgebrochen. Da gab’s nichts mehr dran zu drehen.
Ich wühlte mich durch türkische Frauen und ihre Töchter, dann durch eine Gruppe mir entgegenkommender Emos. Komische Vögel. Wollen sich von der Gesellschaft abgrenzen und sehen unter sich dann auch wieder gleich aus. Und das ist dann Ausdruck ihrer Individualität. Und wer das lächerlich findet, der hat ja nur Angst vor ihnen. Wie vor den Gothics, den Punks und fast jeder anderen Subkultur. Wobei man das Wort Kultur wohl oftmals in Frage stellen muss.
Das einzige wovor ich in Bezug auf diese pinken Vögel Angst hatte war, dass meine Kinder, falls ich irgendwann mal welche haben sollte, genauso aussehen würden wie diese kleinen Haarspraymonster.
Wenn das so käme, dann würde ich sie packen und auf einem Hawaiiurlaub in einem Vulkan versenken. Aber das war ja erstmal nur ein Traum.
Ich trudelte vorbei an Saturn und ließ Karstadt links liegen. Mein nächstes Zwischenziel war Real. Ich brauchte noch was, um richtig wach zu werden.
Vor Real lungerten die Punks rum. Gemeinsam mit den Arbeitslosen, wobei die Schnittmenge von beiden Gruppierungen wahrscheinlich enorm war. Vorbei an Paul und Eddie, die schon seit 4 Jahren jeden Tag hier saßen, betrat ich den Palast des Konsums für den kleinen Mann. Ich bog ab in die Abteilung für Süßkram, schob mir einen Schokoriegel in die Manteltasche und schlenderte weiter in Richtung Kühlregal. Da gab es seit ein paar Wochen diesen widerlichen Koffeinscheiß aus der Dose. Das Zeug war wie verdichteter Espresso. Das zog einem glatt die Schuhe aus.
Ich schnappte mir zwei Dosen und ging zur Kasse. Die Kassiererin, eine fette, aufgetakelte, missmutige Madam, musterte mich und warf mir ein „Zwo-achtundvierzig“ an den Kopf.
Ich patschte ihre Zwei-fünfzig in die gierige Flosse und sagte „Stimmt so.“.
Ich verließ den Laden und bekam ein leises „Arschloch“ hinterher geraunt. Charmante Person.
Vorbei an Paul und Eddie ging es weiter Richtung Ziel. Luisengasse. Wie klingt das überhaupt. Da wohnen bestimmt nur Rentner und irgendwelche Alleinerziehenden.
Mein Ekel vor diesen beiden Gesellschaftsgruppen war enorm.
Die meisten Rentner, so mein Gefühl, hatten den Krieg noch nicht ganz verdaut. Egal wo man hinkam, Rentner hatten immer die Neigung sich zusammenzurotten. Rentnersiedlungen wirkten meist wie kleine Festungen.
Ich hatte das Stadtzentrum verlassen und befand mich grade in einer dieser Festungen. Die Luisengasse war nicht mehr weit. Ich musste nur noch durch die Geschwister-Scholl-Straße und über den Stauffenbergplatz.
Ich schaute nach links und rechts. Gartenzwerge verteidigten mit grimmigen Gesichtern die einen Meter breiten Vorgärten und Armeen von Keramikgänsen bildeten ihre Kavallerie.
Ab und an erhaschte ich einen Blick in ein Wohnzimmer. Rentner vor der Glotze. Nichts anderes.
Dann schlenderte ich über den Stauffenbergplatz, ehemals Hitlerplatz, ehemals Fürst-von-Bismarck-Platz, ehemals St. Antonsplatz, der uns lehrt, dass Namen nur Namen sind und ihre Bedeutung nur sekundär ist.
Vorbei am großen, hässlichen Denkmal. Neumodischer Dreck, der irgendwie Stauffenberg darstellen sollte. Wahrscheinlich hatte der Künstler nur ein Auge und eine Hand dafür benutzt. So sah es zumindest aus. Aber weiter. Nicht stehen bleiben. Sonst kommt einer raus und stellt dumme Fragen.
Dann betrat ich sie. Die Luisengasse. Ich stand am Anfang. Etwas zu lang für eine Gasse. Aber nunja. Namen halt. Ich lief los. Eins. Drei. Fünf. Sieben. Die Hausnummern zogen an mir vorbei. Irgendwas war anders hier, als in der Geschwister-Scholl-Straße oder am Stauffenbergplatz. Ah, die Gartenzwerge. Die fehlen.
Stattdessen gab es hübsche Tonfiguren hier und dort. Ein Szeneviertel. Sowas wollte dieser Teil der Stadt zumindest werden. In direkter Nachbarschaft zum Zweiten Weltkrieg. Klasse Idee.
Die Häuser waren entweder frisch renoviert oder total verranzte Bruchbuden. Die Bewohner sahen ebenso aus.
Auf den Treppenstufen eines Hauseingangs saßen Mittzwanziger und diskutierten über Satre. Eine Ökoschlampe redete mit schräppiger Stimme von Moral und Ethik und faselte dann etwas von Klimaschutz. Neumodischer Scheiß.
Wenn die Welt verreckt würde ich schon lange tot sein. Hoffentlich.
Und bis dahin würde ich Bahn fahren und das Leben in vollen Zügen genießen.
Plötzlich fetzt ein Gedanke wie eine Kugel durch meinen Kopf. Hatten die gesagt, ich sollte meinen eigenen Kram mitbringen? Naja, egal. Um jetzt zurück zu latschen war es zu spät. Auch wenn das wahrscheinlich ein verhaschter Haufen von Studenten ist, auf pünktlichkeit stehen in Deutschland doch alle.
Siebenvierzig. Neunundvierzig, Einundfünfzig. Wie weit wohl noch? Es fing an zu Regnen. Perfekt. Die Frisur wäre schonmal im Arsch. Wie immer keinen Schirm dabei. Aber wie hätte ich den auch mitschleppen sollen, wenn ich in beiden Händen Gitarrenkoffer gehabt hätte. Die Instrumente vergessen, aber wenigstens dann konsequent auch den scheiß Schirm zuhause gelassen. Lief ja alles super. Ich war wirklich ein super Musiker.
Dreiundsechzig. Eben rüber über die Kreuzung. Typisch Deutschland. Es regnet, aber alles wartet an der bekackten Ampel.
Rot. Rot. Rot. Rot. Scheiß drauf, rüber! Ich höre noch einen Ruf. Vorsicht. Wovor, vor dem Leben? Aufprall! Schwarz.
Dann Licht. Die Welt ist auf die Seite gekippt. Ich spüre nassen Asphalt. Ein rotes Etwas steigt die dunkle Wand an der ich lehne empor. Regen prallt waagerecht gegen sie. Wieder Schwarz. Ende.


Heyho!
Dies ist die erste Episode einer Reihe von Kurzgeschichten, an denen ich grade "arbeite". Das ganze hört später auf den Namen "Großstadtimpressionen" und wird, so wie es derzeit aussieht, insgesamt 5 Episoden besitzen, die ich nach und nach, wenn sie fertiggestellt sind, auch (so ist zumindest vorerst der Plan) hier veröffentlichen werde.
Würde mich über Reaktionen freuen.

Gruß,
Phillip
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Doch ich finde keinen Rahmen.
Der Wind spricht zu mir, wünscht mir Glück,
Er flüstert meinen Namen.
Er sagt: "Ich bin in dir, wohin du gehst,
Doch siehst du auch, das was ich seh´?"

aus: Böhse Onkelz - Ich bin in dir
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Alt Samstag, 06. Februar 2010, 10:12   #2
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Jetzt kommt doch noch eine Kuschelkritik. Du hast es so gewollt.

Deine "Impressionen" sind Dir gut gelungen. Ich bin mit Dir durch die Straßen gelaufen und habe mich in Deine Gedankengänge eingefunden.
Geht es uns nicht allen so, wenn wir unterwegs sind?
Und doch schreibt diese Gedanken niemand auf. Wie schön, dass Du diesen Anfang gemacht hast.
Und wie schön, dass es erst der Auftakt ist...
Ich scharre schon mit den Hufen und will endlich weitergehen...

Gut gemacht!
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Alt Mittwoch, 10. Februar 2010, 14:28   #3
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Args...eine...K-K-Kuschelkritik...das hast du mit Absicht getan! Dreist
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Der Wind spricht zu mir, wünscht mir Glück,
Er flüstert meinen Namen.
Er sagt: "Ich bin in dir, wohin du gehst,
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Alt Mittwoch, 10. Februar 2010, 16:26   #4
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Args...eine...K-K-Kuschelkritik...das hast du mit Absicht getan! Dreist
Natürlich! Da bin ich in meinem Element!
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